Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom

ADHS – Gibts sowas überhaupt?!

Das sogenannte Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom – mal mit, mal ohne Hyperaktivität – sorgt in der Fachwelt immer wieder für Auseinandersetzungen. Manche Fachleute gehen dabei sogar so weit, die Existenz von ADHS grundsätzlich zu leugnen. Sie werfen Eltern vor ihre Kinder unter Drogen zu setzen, um sie ruhig zu stellen und sich nicht mit ihren normalen, kindlichen Bedürfnissen auseinander setzen zu müssen. Für oberflächlich Informierte bzw. selbst nicht Betroffene ist dieses Syndrom tatsächlich schwer nachzuvollziehen, und der Wunsch sich erst einmal zu informieren, zu verstehen und gründlich nachzudenken, bevor wahllos Pillen eingeworfen werden, ist verständlich und generell angebracht, das gilt nicht nur für ADHS.

Die klinischen Diagnosekriterien des aktuell gültigen ICD-10 beschreiben oberflächlich eine von außen beobachtbare Symptomatik, und werden aus Sicht der Betroffenen, ihrer Eltern, ihrer Therapeuten und/oder Beratern und Coaches, diesem Störungsbild in seiner Komplexität, seinen vielfältigen Erscheinungsformen, nicht wirklich gerecht. Die Diagnose anhand der von außen sichtbaren Symptome ist selbst für erfahrene ADHS-Spezialisten nicht einfach. Wer jedoch selbst von ADHS und den psychischen und sozialen Folgen betroffen ist, vielleicht sogar dank Methylphenidat wenigstens eine Ahnung davon bekommen hat, wie das Leben ohne ADHS sich anfühlen würde, der empfindet das schlichte Leugnen dieses Störungsbildes als schmerzlichen Hohn.

Es gilt inzwischen als hinreichend belegt, dass “ADHS nicht nur mit genetischen Veränderungen, sondern auch mit strukturellen und funktionellen Gehirnanomalien und neuropsychologischen Auffälligkeiten assoziiert ist” (Rothenberger et al. 2003). Eine wichtige Rolle spielt u.a. der cinguläre Kortex: Er koordiniert das komplexe System von Aufmerksamkeit, Motivation und Emotion, und ist unter anderem für das Setzen von Prioritäten, die Aufmerksamkeitslenkung und das Ergreifen von Initiave verantwortlich. Man geht davon aus, dass bestimmte Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin in den entsprechenden Regionen des Gehirns nicht ausreichend vorhanden sind bzw. nicht so wirken können, wie sie sollten. ADHS gilt als angeboren und vererbbar, geheilt werden kann es genauso wenig, wie etwa eine Hochbegabung oder Autismus. Die Auswirkungen des ADHS können jedoch durch das familiäre Umfeld, die Umweltbedingungen, die Begabung und, sofern es erkannt ist, durch entsprechende Förderung beeinflusst werden.

Aufmerksamkeitsdefizit?

Das erste Leitkriterium nach ICD-10 ist die Störung der Aufmerksamkeit. Beschrieben wird u.a. eine Aufmerksamkeitsstörung bzw. Unaufmerksamkeit im Sinne einer verminderten Konzentrationsfähigkeit, starke Ablenkbarkeit und Desorganisation. So stellt es sich für das Umfeld der Betroffenen dar – manchmal! Leider erwecken diese Definitionen oberflächlich den Eindruck, von ADHS Betroffene wären generell unaufmerksam und könnten sich generell nicht konzentrieren. Dies trifft jedoch meist nur auf bestimmte Situationen zu. Und zwar auf solche, die für den Betroffenen als nicht anregend, als nicht interessant genug empfunden werden. Zappeln oder Tagträumen sind dann die Folge, die verlangte Tätigkeit wird abgebrochen und man beschäftigt sich stattdessen anderweitig.

Defizit vs. Hyperfokus

In als anregend empfundenen Situationen können ADHSler jedoch zu einer Konzentration und Ausdauer fähig sein, die auf Außenstehende regelrecht manisch wirken kann, und sie in vergleichbar kurzer Zeit erstaunliche Leistungen vollbringen lässt. Die Rede ist vom sogenannten Hyperfokus, von Christine Beerwerth in ihrem Buch “Suche dir Menschen, die dir gut tun – Coaching für Menschen mit ADS” liebevoll als “Essigfieber” bezeichnet: Ein bestimmtes Thema, in diesem Beispiel die Komplexität der Essigherstellung, hat das Interesse des Betroffenen derart geweckt, dass er sich fortan für die nächsten Stunden, manchmal auch Tage, Wochen oder sogar Monate ausschließlich diesem einen Thema widmet. Jede freie Minute nutzt er zum Lesen aller verfügbaren Literatur, experimentiert stundenlang im Hobbykeller und ist für nichts anderes mehr ansprechbar. Sinnvolle Gespräche sind nur möglich sofern sie mit dem Thema zu tun haben. Familie, Freunde, sogar Essen und Schlafen können da leicht zur Nebensache werden, was beim Betroffenen, der sich seiner familiären und freundschaftlichen Verpflichtungen durchaus bewusst ist, zu Schuldgefühlen führen kann. Er ist jedoch nur eingeschränkt fähig (und das ist der wichtige Punkt!), seine Aufmerksamkeit bewusst auf das Gewünschte bzw. Geforderte zu lenken. Das Essigfieber findet entweder dann ein Ende, wenn das Thema soweit erforscht wurde, dass keine wichtigen neuen Erkenntnisse mehr zu gewinnen sind, oder aber wenn ein anderes, noch interessanteres Thema sich in das Bewusstsein drängt und das Essigfieber von einem Korbflechtfieber, Dudelsackfieber, Häkelfieber, Gartengestaltungsfieber, Didgeridoofieber, Schreinerfieber, Volleyballfieber, Gebärdensprachenfieber, … (Setzen Sie diese Auflistung beliebig fort) abgelöst wird. Die Interessensgebiete verlagern sich immer wieder, da stets frischer Input benötigt wird. Einerseits ist das anstrengend, und auf manche Außenstehende wirkt diese nicht verstandene Diskontinuität gar ein wenig unheimlich. Andererseits wird der ADHSler dadurch mit der Zeit zu einem kleinen Experten für viele verschiedene, oft ungewöhnliche Themenbereiche und damit zu einem interessanten Gesprächspartner.

Alles eine Frage der Kontrolle

Um aber auf das Diagnosekriterium der Aufmerksamkeitsstörung zurück zu kommen: Das Beispiel des Hyperfokus zeigt eindrücklich, dass das Problem nicht die mangelhafte Aufmerksamkeitsfähigkeit als solche darstellt, sondern vielmehr die mangelhafte Fähigkeit die Aufmerksamkeit willentlich zu lenken. Je nach Ausprägung sind die Betroffenen mehr oder weniger dem Fokus ihrer Aufmerksamkeit ausgeliefert, der sich wie ein Suchscheinwerfer ständig weiter bewegt, und (nur) solange an einem Ort verharrt, wie es dort etwas Interessantes zu sehen gibt. Da Menschen mit ADHS außerdem Schwierigkeiten haben ihre Wahrnehmungen automatisch nach Relevanz einzuordnen und Unwichtiges auszublenden, kann es nach außen hin tatsächlich so aussehen, als würde ein Mangel an Aufmerksamkeit vorliegen. Die zutreffendere Bezeichnung wäre jedoch nicht “Aufmerksamkeitsdefizit-Störung”, sondern vielmehr “Aufmerksamkeitskontroll-Störung”. Ich denke das würde für weniger Missverständnisse sorgen, und evt. auch nicht-diagnostizierten Betroffenen ermöglichen sich leichter einzuordnen.

Die besondere Gabe: Intuition

Die weiterhin im ICD-10 beschriebene Impulsivität und die emotionale Instabilität sind ebenfalls auf diese mangelnde Kontrollmöglichkeit zurück zu führen. ADHSler sind reizoffene Menschen, die hochsensibel wie ein Seismograph auf die Schwingungen in ihrer Umwelt reagieren. Daher passiert ihnen häufig das, was man in der Psychologie als “Gefühlsansteckung” bezeichnet: Sie schwingen mit den in ihrer Umgebung wahrgenommenen Stimmungen mit als wären es ihre eigenen, und sind dadurch leicht sowohl positiv als auch negativ in ihrer Gefühlslage beeinflussbar. Sofern ihre Selbstreflektion nicht entsprechend trainiert ist, kann es ihnen sogar schwer fallen zu unterscheiden, ob ihre aktuelle Stimmungslange von ihnen selbst oder von jemand anderem ausging. Dafür können sie intuitiv sagen in welcher Stimmung sich jemand befindet, und das manchmal sogar so gut, dass sie Gefühle wahrnehmen, die demjenigen selbst nicht bewusst sind. Intuitiv erspüren sie so auch Widersprüche in Verhalten und Gesagtem, oder haben instinktive Ahnungen bezüglich bestimmter Personen oder Situationen. Auf ihre Intuition ist in der Regel Verlass, sie ist eine besondere Gabe und sollte als solche gehegt und gepflegt werden!

Achterbahnfahrt – Aussteigen nicht möglich!

Menschen mit ADHS besitzen also diese hohe emotionale Mitschwingungsfähigkeit, die für sich betrachtet ein herausragendes Talent darstellt. Aber nun versuchen Sie sich vorzustellen, wie verheerend dieses ausgeprägte Mitempfinden sich auswirken kann, wenn ein Mensch mit diesem Talent nicht in der Lage ist eine negative (Mit)Empfindung bewusst zu steuern, und stattdessen im Hyperfokus darin gefangen wird. Das gilt nicht nur für die Wahrnehmungen von außen, sondern auch für die eigenen Gefühle, die durch Gedanken und Bewertungen entstanden sind. Er wird hinein gesogen in einen Teufelskreis aus Emotionen, daraus resultierenden Gedanken die widerrum noch stärkere Emotionen und dadurch noch negativere Gedanken hervorrufen, was sich bis zur völligen Erschöpfung hochschaukeln kann, und – sofern derjenige nicht gelernt hat anders damit umzugehen – in Extremfällen sogar zu selbstverletzendem Verhalten führt (ein Versuch diesen unvorstellbar starken Gefühlen Ausdruck zu verleihen bzw. den dadurch entstandenen Druck abzubauen, indem der psychische Schmerz in einen leichter zu ertragenden körperlichen Schmerz umgewandelt wird). Der Betroffene ist je nach Situation nicht oder kaum fähig sich früh genug selbst aus diesem Strudel heraus zu ziehen, wie es ein ausgeglichener Mensch ohne ADHS ganz selbstverständlich tut, bevor es überhaupt so weit kommt. Erfreulicher Weise muss diese Dynamik aber nicht nur ins Negative wirken, sondern kann in die andere Richtung genauso gut auch Zustände allumfassender Freude und Euphorie bewirken – kurz gesagt: Lebensfreude pur! Im Gesamtbild ergibt sich daraus die emotionale Achterbahnfahrt, die den Betroffenen und ihren Angehörigen nur allzu gut vertraut ist. Sie kann verdammt anstrengend sein (für alle Beteiligten), aber sie ist auch lebendig und mit Sicherheit nie langweilig. Gerade in sozialen Situationen kann die mangelnde Entscheidungsmöglichkeit jedoch besonders schwierig werden: Ist es okay jetzt zu weinen, auch wenn vielleicht die Arbeitskollegen dabei zuschauen?

Grenzen … Braucht man sowas?

Wer ADHS hat und ständig nicht nur die eigenen Gefühle sondern auch die aller anderen spürt, kennt es gar nicht anders; die Grenze zwischen “Das ist meins und das ist deins” ist verschwommen, das Bewusstsein über die Existenz oder Notwendigkeit einer solchen Grenze ist vielleicht überhaupt gar nicht erst entwickelt worden. Dementsprechend leidet die Fähigkeit sich abzugrenzen, übergriffigem Verhalten anderer Menschen ist Tür und Tor geöffnet. Und selbst legen die Betroffenen häufig ein als von Nicht-ADHSlern distanzlos empfundenes Verhalten an den Tag.

Impulse, oder: Harakiri leicht gemacht

Im sozialen Kontext besonders problematisch ist die eingeschränkte Impulskontrolle: Insbesondere in emotionalen Situationen werden Gedanken ausgesprochen, bevor auch nur die Gelegenheit besteht zu bedenken, was die gemachte Aussage für andere und in der Folge für einen selber bedeuten könnte. Besonders schwierig sind Gruppensituationen, da hier der Betroffene durch seine Hypersensibilität mit einer Vielzahl (unbewusster) Wahrnehmungen konfrontiert wird, die er nicht so schnell einordnen und bewerten kann, wie es für ein adäquates Reagieren erforderlich wäre. Hinzu kommt die Notwendigkeit Gedanken schnellstmöglich ins Gespräch einbringen zu müssen, da sie sonst vergessen werden – eine immer wiederkehrende, frustrierende Erfahrung für jene, denen es gelingt so höflich zu sein die anderen ausreden zu lassen. Je nach Veranlagung dreht der Hyperaktive in solchen anspruchsvollen Situationen immer mehr auf, in dem Versuch all diesen Anforderungen gerecht zu werden, während der Hypoaktive (so nennt man die nicht-hyperaktive Variante), in dem Versuch zunächst sich und seine Wahrnehmungen zu sortieren, lieber erstmal gar nichts mehr sagt und besonders ruhig und in sich gekehrt wirkt.

Genauso impulsiv können wichtige Entscheidungen getroffen werden: Der Versuch das Chaos aller zu berücksichtigenden Elemente im Kopf zu sortieren, gegeneinander zu bewerten und einzuordnen, kann so anstrengend sein, dass es erleichternd wirkt einfach zu entscheiden und dann erst im nächsten Schritt zu sehen, was weiter daraus wird. Bezogen auf existenziell wichtige Themen wie Arbeit und Geld kann eine solche Impulsivität verheerende Auswirkungen entfalten.

Ist ADHS nicht eine Kinderkrankheit?

Leider ist erst seit wenigen Jahren bekannt, dass ein ADHS sich nicht automatisch mit der Pubertät auswächst. Die späte Erkenntnis mag daran liegen, dass die Betroffenen teilweise sehr erfolgreiche Kompensationsstrategien entwickeln, und das ADHS zumindest nach außen hin weniger offensichtlich zu Tage tritt. Das macht es gerade im Erwachsenenalter so besonders schwer zu diagnostizieren. Die Symptome treten jedoch in besonders stressigen, psychisch belastenden Lebenssituationen, in denen die Kompensationsstrategien nicht mehr wirksam angewendet werden können, mit schöner Regelmäßigkeit wieder auf. Auch ist ADHS als Störungsbild generell noch nicht so lange bekannt, was manche damit begründen, dass die Lebensbedingungen für Menschen mit ADHS in unserer Gesellschaft immer unwirtlicher geworden seien: Die Wirtschaft wünscht sich analytisch denkende, gut strukturierte, belastbare und angepasste Arbeitsdrohnen, und die Kinder werden bereits in der Schule auf diese Anforderungen hin gedrillt. Wer das nicht leisten kann, wer nicht dieser Norm entspricht, gilt als gestört. Alle die diese Sichtweise vertreten besitzen meine uneingeschränkten Sympathien. Dennoch sollte man dabei nicht vergessen, dass ADHS auch im privaten Bereich und im Umgang mit sich selbst diverse Schwierigkeiten bereitet, die ein Mensch ohne ADHS eben nicht zu bewältigen hat. Während dieser seine Zeit und Energie darauf verwendet Karriere zu machen und es sich im Leben schön einzurichten, gleicht das Leben mit ADHS einem ständigen Kampf gegen unsichtbare Windmühlen. Belastend ist dabei nicht nur das ADHS selber, sondern vor allem auch die komorbiden Störungen, die sich häufig aus der Entwicklung ergeben:

Depression

Vielleicht kann man sich vorstellen, wie das Leben für einen Betroffenen verläuft, der von seinem ADHS als Ursache für all die Schwierigkeiten und Ungereimtheiten nichts weiß. Ausgelöst durch die Ratlosigkeit bzw. Verständnislosigkeit seines Umfeldes, das nicht nachvollziehen kann warum der Betroffene sich nicht einfach mal zusammen reißt, und ihn gerne lapidar als faul und unsozial bezeichnet, ihm vielleicht sogar bewusst böswillige Absichten für sein nicht konformes Verhalten unterstellt, leidet er zunehmend unter Schuldkomplexen, Minderwertigkeitsgefühlen und einem Gefühl der Hilflosigkeit, da er nicht oder kaum in der Lage ist seine Eigenarten willentlich zu ändern. Selbst wenn er es trotz aller Widrigkeiten geschafft hat sich ein positives Selbstbild zu erarbeiten, scheitert er doch immer wieder an der Diskrepanz von Selbstwahrnehmung (offen, lebendig, stets bemüht alles richtig zu machen) und Fremdwahrnehmung (anstrengend, frech, unhöflich bis unverschämt). ADHSler haben außerdem das Pech perfekte Mobbing-Opfer abzugeben: Einerseits sind sie zu Hochleistungen fähig die ihre Kollegen vor Neid erblassen lassen, kreativ und voller Ideen wie man Dinge einfacher und besser machen könnte. Im Gegenzug sind sie für die Neider angreifbar indem sie einfachste Routinetätigkeiten vermasseln, unpünktlich sind, Unterlagen verlegen und sich im sozialen Gefüge nicht so gut zurecht finden. Die daraus entstehenden Unstimmigkeiten und Misslaunigkeiten bekommen sie ungebremst zu spüren. All dies sind bereits gute Voraussetzungen um Depressionen zu entwickeln.

Hinzu kommen die neurobiologischen Besonderheiten: Menschen mit ADHS sind insbesondere von Routine sehr schnell gelangweilt und geraten dadurch in depressive Verstimmungen. Andererseit sind sie aber auch schnell überreizt, was widerum zu Überlastungsdepressionen führen kann. Hier die Balance zu finden ist ein echtes Kunststück!

Angststörung

Das Gefühl der Machtlosigkeit im Umgang mit sich selber, gepaart mit der Neigung zur Gefühlsansteckung und der damit verbundenden Abgrenzungsproblematik (dem Erleben sich vor negativen Emotionen, Bewertungen und Erwartungen anderer nicht schützen zu können), die erlebte Unsicherheit in Bezug auf sich selbst und die Umwelt, ist unter den entsprechenden Umständen vielleicht einmal Auslöser für eine Panikstörung, Agoraphobie oder Sozialphobie. Auch die Reizoffenheit trägt ihren Teil hierzu bei, da eine (unbewusste) Reizüberflutung Symptome wie Schwindel, Übelkeit und Herzrasen bewirken kann, sehr ähnlich einer Panikattacke.

Zwangsstörung

Wenn man im ständigen Kampf um Kontrolle über seine Gefühle und seine Impulse lebt, über das Chaos in seinem Kopf und in seinem Leben, kann die daraus entstehende Angst, und der Versuch irgendwie die fehlende Kontrolle zu erlangen, sich auch zu zwanghaft anmutenden Verhaltensweisen bis hin zu einer echten Zwangsstörung entwickeln. Dies darf als kompensatorische Störung verstanden werden, die schwer zu therapieren sein wird wenn das zugrunde liegende ADHS nicht bekannt ist.

Persönlichkeitsstörung

Wenn ein ADHS nicht erkannt wird und/oder der Betroffene nicht lernen kann mit seinen Besonderheiten umzugehen, kann das unter bestimmten Umständen zur Entwicklung einer Borderline-Störung, einer histrionischen, narzistischen, dissozialen oder anderen Persönlichkeitsstörung beitragen. Cordula Neuhaus beschreibt in “Lass mich, doch verlass mich nicht – ADS und Partnerschaft” beispielhaft und sehr ausführlich, wie bestimmte Umgangsweisen durch die Familie und das Umfeld sich negativ auf die Entwicklung auswirken können, und damit die Entstehung einer Persönlichkeitsstörung begünstigen.

Sucht

Viele nicht diagnostizierte ADHSler betreiben zudem unbewusst eine Selbstmedikation mit mehr oder weniger legalen Substanzen, um ihren Dopaminspiegel auf ein wirksameres Niveau zu bringen. Auch die Hyperaktivität lässt sich sogesehen als eine Form von Selbsttherapie einordnen, da Bewegung sich ebenfalls positiv auf den Dopaminspiegel auswirkt. Hyperaktive geraten schnell in eine psychische Krise, wenn sie z.B. aufgrund einer körperlichen Krankheit längere Zeit zur Bewegungslosigkeit verdammt sind. So oder so: Das Risiko einer Suchtentwicklung ist für Menschen mit ADHS besonders hoch! Das andauernde Bedürfnis nach aufregenden Erlebnissen, die Suche nach dem Kick, kann gerade in der Pubertät zu riskantem Verhalten und sogar zu kriminellen Handlungen führen.

Stolperfalle Psychotherapie

Da viele ADHSler unter den entsprechenden Bedingungen sehr gute Leistungen erbringen können, andererseits aber immer wieder große Probleme haben die einfachsten Anforderungen des Alltags stressfrei zu bewältigen, stehen sie schlicht und einfach vor einem Rätsel. Je nachdem wie sehr ihr Minderwertigkeitsgefühl ausgeprägt ist können sie dann tatsächlich zu dem Schluss gelangen, dass ihr schlechter Charakter immer wieder zu diesen Schwierigkeiten führt, oder dass sie sich vielleicht wirklich noch nicht genug anstrengen. Wenn sie psychologisch gebildet sind halten sie vielleicht verdrängte Konflikte oder Kindheitstraumata für die Ursache, und begeben sich auf eine letztendlich irreführende Suche. Wenn der Leidensdruck dann groß genug ist um sich schließlich in Psychotherapie zu begeben stoßen sie leider noch viel zu häufig auf Therapeuten, die sich in Ihrer Ausbildung mit dem Thema ADHS höchstens oberflächlich beschäftigt haben, oder es vielleicht sogar als “Modediagnose” ablehnen. Je nach therapeutischer Ausrichtung ist es dann gut möglich, dass der Therapeut die Meinung propagiert und beim Klienten somit festigt, die Probleme wären psychodynamischer Natur (sprich “inadäquate Verarbeitung von Konflikten während der kindlichen Entwicklung” als Ursache), und dadurch den Klienten zunächst ungewollt in seiner ohnehin vorhandenen Unsicherheit, den Selbstzweifeln und der Ratlosigkeit verstärkt. Möglich, dass daraus dann einer dieser therapieresistenten Fälle entsteht, bei denen auch jahrelange Therapien und sogar Aufenthalte in entsprechenden Einrichtungen langfristig keinen Erfolg zeigen, weil das der Störung zugrunde liegende ADS nicht erkannt wurde. Selbstverständlich sind auch Menschen mit ADHS – so wie alle anderen Menschen auch – in ihrer Kindheit mehr oder weniger oft Situationen ausgesetzt, die mit den Ressourcen eines Kindes nicht richtig verarbeitet werden können, und es kann durchaus Sinn machen tiefenpsychologisch darauf einzugehen. Es ist für die therapeutische Arbeit jedoch unablässlich zu verstehen, dass viele familiäre und soziale Probleme durch das ADHS entstanden sind, und oft erst in der Folge(!) zu den psychischen Problemen geführt haben!

Was tun?

Allein das Wissen um die Problematik kann die Möglichkeit des Verstehens früherer Konflikte, des Auflösens der Schuldfrage und letztendlich eine Heilung der erlittenen seelischen Verletzungen bereits begünstigen. Damit verbunden ist zunächst ein Trauerprozess, während dessen all die belastenden Gefühle, die sich im Laufe dieses unverstandenen Lebens angesammelt haben, durchlebt und verarbeitet werden können. Auch die bewusste Auseinandersetzung mit dem Wissen, dass ADHS als solches nicht heilbar ist, und dass es trotz vieler Vorzüge wie Kreativität, Intuition und Offenheit eben auch die genannten Nachteile mit sich bringt, die sich im entsprechenden Kontext wie eine Behinderung auf den Betroffenen und sein Leben auswirken, gehört zu diesem Trauerprozess. Es gehört dazu die Vorstellung dessen wie man sein sollte oder meint sein zu müssen bewusst loszulassen, um sich endlich so akzeptieren zu können (ja zu dürfen!) wie man nunmal ist. Auf dieser Basis ist es möglich mit neuem Mut in die Zukunft zu blicken, und zu einem liebevolleren, von Verständnis geprägten Umgang mit sich selbst zu finden. Im nächsten Schritt lernt der Betroffene, sich der besonderen Herausforderungen seines ADHS anzunehmen, und sich im Zuge dessen verschiedene Strategien zu einer leichteren Bewältigung des Alltags, im Umgang mit seinem Umfeld und seinem eigenen, so bunten und facettenreichen Innenleben, anzueignen. Sofern komorbide Störungen wie eine Depression, Angststörung, Persönlichkeitsstörung, … bestehen, ist mit dem Verständis für das ADHS und seine Besonderheiten nun eine bessere Grundlage gegeben, um diese von einem in der Thematik erfahrenen Therapeuten behandeln zu lassen.

Diagnose?

Die Diagnose eines ADHS stellt sich wie oben schon angesprochen schwierig dar, und dies nicht nur aufgrund der Komplexität des Störungsbildes, sondern auch aufgrund der noch nicht ganz vollzogenen Anerkennung durch die Krankenkassen. Momentan ist die nächste Möglichkeit diese Diagnose als Kassenleistung zu bekommen die ADS-Sprechstunde der Uniklinik Tübingen. Eine private Abrechnung ist bei einigen Ärzten im Raum Ludwigsburg und Stuttgart möglich, hier ist nach den mir vorliegenden Informationen mit Kosten von 300-400 Euro zu rechnen.

Die schulmedizinisch-diagnostische Vorgehensweise ist notwendig wenn Sie eine entsprechende Medikation in Erwägung ziehen.

Individuelle Psychotherapie, Psychologische Beratung & Coaching

Die von mir angewendeten Methoden eignen sich ebenso für Menschen ohne ADHS, die vielleicht in dem ein oder anderen Lebensbereich ähnliche Probleme haben, und selbstverständlich ist meine Vorgehensweise immer auf den jeweiligen Menschen und seine Bedürfnisse individuell zugeschnitten.

Daher ist mir jeder Mensch, der meint von meiner Art der Hilfe profitieren zu können, herzlich willkommen!

 

Hier finden Sie weitere, sehr gut heraus gearbeitete Informationen:

ADHS-Klinik Lüneburger Heide